Rede anlässlich der Einweihungsfeier von 'chanoua' · Zürich, 2008

 

Gedanken zu Ida Dobers Werk

(Chanoua im Guggach10)


Rhizome

Wucherungen

Leitungen

Haare

Muttermale

Hüllen

Lexika

Schatten

Pilze

Beulen

Notationen

 

Notiere ich mir spontan zu Ida Dobers Arbeiten. Wortfetzen, Werktitel, die mir aus langjährigen Gesprächen hängen geblieben sind. Fragmente fallen mir ein und Bilder, die sich sträuben, habhaft zu werden.

 

Sichtbar wird die Spitze des Eisbergs – die restlichen 90% sollen sich (quasi unterirdisch) in der Betrachterin im Betrachter fortpflanzen.

 

Ida Dober bewegt ihre Augen irgendwie unterirdisch. Auch unter der Haut durchs Fleisch, den Adern entlang. Seismographisch. Wahrscheinlich könnte sie voraussagen, wo ein Maulwurf auftauchen wird. – Wenn es haarig wird, weckt das erst recht ihr Interesse. Abweichungen überhaupt. Das Organische ist nicht harmlos.

 

Der Ausgangspunkt kann eine Naturbeobachtung sein oder eine Zeichnung. Eine zweidimensionale Illusion, die ins Dreidimensionale wächst und Raum fordert. So spinnen sich Fäden die irgendwann mal Linie waren in verschiedensten Medien und Stoffen weiter zu teilweise riesigen Objekten: Textile Ausstülpungen. Begehbare Malerei.

 

Wucherungen, die immer wieder mit überraschender Leichtigkeit darauf hinweisen, dass alles auch anders sein könnte. Weniger glatt.

 

Wenn glatte Wände und Decken zu wuchern beginnen,

Male auftauchen, gemalte oder genähte (Beulen),

geraten sie, die Wände, in eine eigenartige Vibration.

Oder ich vibriere, weil der ungewohnte Anblick nicht recht weiss, wohin er führen soll und ob das Geschaute wohl wolle mit den verführerischen Farben und Materialien – wie sie es doch tun sollten – meint das Auge – aber unwillkürliches Frösteln oder vielleicht Schwindel wird ausgelöst und eine leise Ratlosigkeit schiebt Begriffe hin- und her. Tage später noch tauchen mir Nähte auf, wo etwa süssliches Altrosa am groben Braun haftet und ich nicht genau weiss: Riecht es nach Grossmutters Lavendelschrank oder nach erotischen Dessous – nach Kampher oder Moschus.

 

Und schon steh ich mitten in einem Drama (so der Titel dieser evozierten Arbeit).

 

Andere Titel eröffnen weitere Assoziationsfelder:

Vertigo

Irgezzan

Sulci

Membran

Beule

Caro luxurians (wildes Fleisch)

 

Und nun die Arbeit hier: Chanoua

Ein rätoromanischer Namen, der einem Weiler, einer alten Sust zwischen Ftan und Ardez entlehnt ist. Hier stand bereits im 9. Jh eine „fiskalische Taberne“, ein Güterumschlagplatz mit Gasthaus am Säumerweg. Heute ragen Mauerreste eindrücklich in die Landschaft. - Nicht die Ruine selber ist aber in diese Arbeit eingeflossen sondern auf dieser Wanderung im Unterengadin formte sich die Idee heraus.

 

Interessanterweise gibt es in Algerien ein Berbervolk, welches beim Chenoua Bergmassiv (Jebel Chenoua) lebt, sich Chenoua nennt und Chenoua spricht. Das ist vielleicht gar nicht so erstaunlich. Die Engadiner leben tatsächlich auch auf afrikanischem Urgestein. Klar, die Wort- und Lautverschiebung ist wohl eher den Römern zuzusprechen als einer Tektonischen Verschiebung. – Aber solcher Stoff (sch)webt sich durch Ida Dobers Räume.

 

Ein schöner Fleck! (Mein Erstklasslehrer blieb an einem Waldrand stehen. Ich sah weit und breit keine Flecken. Ich hörte zum ersten Mal, dass ein Fleck schön sein kann. Der Ort hiess Süessblätz.)

 

Ein Schönheitsfleck, ist der nur an einer Schönheit schön und an einer anderen Person unter Umständen dort, wo ein Hexenhaar wächst?

Der Fleck ist oft Substanz am falschen Ort, -

dort wo die Tinte nicht hingehört wird sie Tolggen.

Den Kaffee sieht man auch lieber in der Tasse als auf der Bluse.

Andere wiederum würde man vom Fleck weg engagieren.

Der Fleck gerät irgendwie dahin, breitet sich aus in anarchistischer Form, hat Völker zum Lesen der Zeichen animiert und bis in unsere Tage hinein Psychotests generiert.

 

Es gibt auch Restflecke. Überbleibsel. Tümpel. Sonnenfleck.

Fleckenrest. Restfleck. Fleckvieh und vieles mehr.

 

Nicht zu vergessen: der blinde Fleck.

 

Es scheint, dass der Fleck, dort wo er naturgegeben, als angenehm empfunden wird, wo aber von Menschen verursacht, irgendwie fehl am Platz ist, ein Makel.

Ob das nun mit diesem ominösen „Blinden Fleck“ zu tun hat, dort wo man nichts sieht – wo die eigene Wahrnehmung keine Signale empfängt, weiss ich nicht. Normalerweise wird diese Leerstelle im Gesichtsfeld von bildverarbeitenden Hirnregionen ergänzt durch Umgebungsfarben.

 

Schablonen für Unförmiges anfertigen, braucht schon ein spezielles Sensorium. Wir sehen hier eine verschmitzte, serielle Fleckenfertigung mit eigenen Regeln. Zehn präzise Grundformen spielen in unzähligen Variationen mit der Umgebung in losem Rhythmus mal hier mal dort die Stockwerke hoch.

 

Die Intervention von Ida Dober ist subtil und für einmal (selten)glatt. Und gerade dadurch zeichnen die rohen Arbeitsspuren im Beton noch stärker. Man verspürt Lust, mit den Fingern die veredelte Maserierung der Schalbretter und die Nähte auszukundschaften. Oder ist der Stein versintert?

 

Die lichten Reflektionen auf den Farbflächen transportieren den Tag die Wände hinunter. Je nach Lichteinfall und Blickwinkel verändert sich die irisierende Oberfläche. Faszinierend, dass meine eigene Bewegung stellenweise den Glanz löscht: Dann verschwindet der schimmernde Vordergrund matt im Grau.

 

Haben sie zufällig die Radiosendung über Synaesthetiker gehört? Das sind Menschen, die Farben hören oder Töne sehen. Franz Liszt etwa, der deutsche Komponist und Dirigent, forderte 1842 sein Orchester in Weimar auf: "Dieser Ton ist dunkelviolett, meine Herren, und nicht so rosa, glauben Sie mir!" Nur zu gern wüsste ich, wie ein irisierendes Perlmutt bei ihm geklungen hätte. Wahrscheinlich ein Akkord, ein ganzer Cluster (= Klangwolke)?

 

Es ist einen Versuch wert, den Rhythmus der Malerei während des Treppensteigens körperlich nachzuvoll-ziehen und mit den Flecken spielerisch hoch zu tanzen.

Die Leerstellen wird man als willkommene Pausen empfinden.

Eine Verdichtung im zweiten Stock lädt besonders zum Verweilen ein. Hier kann man ungestört (heimlich) üben, an einem Ort wo niemand hin muss, wo kein Lift hält: ein türloses Stockwerk mitten im Haus! Auf diesen Wänden breitet sich die Spiellust aus für jene die extra hier durchsteigen aus purer Bewegungsfreude oder Neugier.

 

Ein Arbeiter sieht Wolken, einer entdeckt einen Zürichsee, sogar ein mutierter Hase wird vermutet. Einer kommt auf uns zu: darf ich sie fragen, bleibt das jetzt so? Dass der Beton sichtbar bleibt ist ungewohnt für ihn.

 

Auf diesem rohen Träger, schillern nun die Formen durch das Treppenhaus bis unter das Dach, wie vom Wärmeauftrieb allmählich hochgehobene Sprechblasen, deren Inhalt wir selber mit unseren Gedanken füllen können. Würde man das Oblicht öffnen, würden sie vermutlich entweichen.

 

 

Georgette Maag, November 2008

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